Rosa trifft Angelica

»Warum tun sie sich das an?!« – Die Besucherin starrt fassungslos, den Kopf schüttelnd vor einer Staude, die eindrucksvoll zwei Meter hoch aus den anderen Pflanzen herausragt.

»Was glauben Sie denn, welche Pflanze das ist?«, frage ich zurück.

»Na, die kennt doch jeder! Natürlich der Riesenbärenklau! Wenn Sie den nicht bekämpfen, wenn er noch klein ist, samt er sich aus, und Sie werden ihn nie mehr los! Außerdem ist er giftig!«

»Das ist richtig!«, bestätige ich die Aussage der Besucherin. »Außerdem ist der Riesenbärenklau eine invasive Art, die heimische Pflanzen verdrängt.«

»Aber warum steht er denn noch bei Ihnen im Garten?«, fragt die Frau.

»Tut er doch nicht. Das ist gar nicht der Riesenbärenklau sondern die Engelwurz! Und ich freue mich, weil sie so groß und stattlich gewachsen ist und darüber, dass sie sich selbst ausgesät hat.«

Dann erkläre ich den Unterschied zwischen Riesenbärenklau, den man auch Herkulesstaude (Heracleum mantegazzianum) nennt, und der Engelwurz (Angelica archangelica): Der Riesenbärenklau hat größere Dolden, Doppeldolden, die bis zu 30 Zentimeter Durchmesser erreichen können. Die Blüten sind weiß. Dagegen hat die Engelwurz kleinere, halbkugelförmige Dolden mit grünlich weißen Blüten. Im Gegensatz zur Herkulesstaude besitzt die Engelwurz gefiederte Blätter. – Das sind nur ein paar, aber doch sehr wesentliche Merkmale zur Unterscheidung.

 

Den Schnecken getrotzt

Meine Freude über diese schöne Staude ist wirklich groß. Denn mehrmalige Versuche mit der Aufzucht aus Samen oder Jungpflanzen hatten die Schnecken zunichte gemacht. Schließlich zimmerte ich aus kleinen Brettstücken eine 30 x 30 x 15 cm große Zarge, die ich mit »Schnexagon« bestrich. Dieser Anstrich ist so glatt, dass Schnecken, die versuchen an der Zarge empor zu klettern, abrutschen. In die Mitte dieser Zarge setzte ich eine Engelwurz. Die Abwehr funktionierte, Angelica blieb von Schnecken verschont und wuchs zu einer über zwei Meter hohen, prächtigen Staude heran.

Laut Literatur gilt die Engelwurz (Angelica archangelica) als zweijährige Pflanze. Allerdings kann sie auch bis zu vier Jahre alt werden, bevor sie blüht, dann Samen bildet und abstirbt.

Meine Engelwurz blühte bereits im zweiten Jahr. Ich ließ sie stehen. Mit Raureif und Schnee bedeckt bot sie auch als trockene Mumie im Winter einen eindrucksvollen Anblick. Ihren Samen hatte sie schon im Herbst verstreut. So fand ich im nächsten Sommer einen Sämling an anderer Stelle zwischen den Stauden, aus dem sich bald eine stattliche Blattstaude entwickelte. Von den Schnecken blieb sie unbehelligt, was meine Erfahrung bestätigt, dass Pflanzen, die aus einer Selbstaussaat durch die Mutterpflanze hervorgegangen sind, den gefräßigen Kriechern zu trotzen vermögen.

 

Stattliche Staude und liebliche Rose

Nach weiteren drei – oder sind es schon vier? – Jahre(n) ist meine Engelwurz auf gut zwei Meter Höhe herangewachsen. Sie blüht! Und hat einen Fan gewonnen! – Meine Frau hatte vor ein paar Jahren ein paar Rosen von unserer Rosa inermis 'Morletti' aus Stecklingen herangezogen, und eine davon zwischen die Stauden auf unserem Erdwall gepflanzt. Dort ist sie zu einer ansehnlichen Rose herangewachsen. In diesem Frühjahr schien sich nun ihre Liebe zur Angelica entfacht zu haben. Sie ließ einen Trieb zur Engelwurz wachsen und hakte sich in eine ihrer Blattachseln ein. Dort entfaltete sie ihre rosaroten, halb gefüllten Blüten. Die Engelwurz wird bald Samen bilden und in ihrer nächsten Umgebung verstreuen. Dank des Schattens, den die anderen Stauden auf die Erde werfen, bleibt der Boden meistens ausreichend feucht, und genügend Humus enthält er auch – gute Voraussetzungen also für das Keimen der Samen.

Um auf die anfangs erwähnte Besucherin zurück zu kommen: »Ja, diese Staude möchte ich mir gern immer wieder antun!«

Wolfram Franke
aus Vaterstetten Handfeste Gartenarbeit und Schreiben, sowohl mit grüner Tinte als auch mit dem Computer, gehören für Wolfram Franke zusammen. Seinen seit 1994 gewachsenen Kreativgarten in Vaterstetten hat er mit alten Baustoffen gestaltet.
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Text: Wolfram Franke

Fotos: Wolfram Franke und Staudengärtnerei Gaißmayer